„Meine Gefühle sind so stark. Warum ist mir immer alles zu viel?“

„Ich kann einfach nicht mehr“, sagte sie und saß zusammengesunken vor mir. „Es ist alles zu viel.“*
Als ich sie kennenlernte, war sie 17 Jahre alt und hatte bereits einen Klinikaufenthalt hinter sich. Die Monate zuvor hatte sie größtenteils in ihrem Bett verbracht. Oft zusammengerollt, die Beine an den Körper gezogen, das Handy in der Hand. Scrollen. Weinen. Schlafen. Wieder scrollen. Manchmal aß sie kaum noch etwas. An Schule war an vielen Tagen überhaupt nicht zu denken.

Es war nicht so, dass sie nicht wollte. Sie konnte nicht. Zumindest fühlte es sich für sie genau so an.

„Was ist denn zu viel?“, fragte ich sie irgendwann. Sie zuckte mit den Schultern. „Alles.“ „Alles ist ziemlich viel“, antwortete ich. „Lass uns mal versuchen, dieses Alles ein bisschen auseinanderzunehmen.“

Wenn Gefühle überwältigend werden und niemand weiß, warum

Genau das ist häufig eines der größten Probleme, wenn Gefühle uns überwältigen: Wir spüren sehr deutlich, dass etwas nicht stimmt, können aber kaum benennen, was eigentlich gerade passiert.

Vielleicht ist da Druck auf der Brust. Eine bleierne Schwere im ganzen Körper. Vielleicht kommen die Tränen scheinbar aus dem Nichts, oder es gibt diesen einen Moment, in dem plötzlich alles kippt. Gerade war noch alles in Ordnung, und dann reicht eine Nachricht, ein falscher Blick, ein voller Raum oder eine Aufgabe, die eigentlich gar nicht so groß sein dürfte. Und plötzlich geht nichts mehr.

Bei meiner Klientin war es das Bett. Dort musste sie nichts erklären, niemand erwartete eine Antwort, niemand schaute sie fragend an. Sie konnte ihr Handy nehmen und so lange scrollen, bis ihre Gedanken ein bisschen leiser wurden.

„Tut dir das gut?“, fragte ich sie. „Nein.“ „Warum machst du es dann?“ Sie sah mich an, als hätte ich eine ziemlich blöde Frage gestellt. „Weil ich sonst gar nicht weiß, was ich machen soll.“

Und genau das war der Punkt. Wir machen nicht immer nur Dinge, weil sie uns guttun. Manchmal machen wir Dinge, weil sie das Einzige sind, was uns gerade zur Verfügung steht. Also hörten wir zunächst auf, ihr Verhalten weghaben zu wollen. Wir schauten hin.

Symptome verstehen statt bekämpfen: Was passiert, bevor alles zu viel wird?

Ich wollte von ihr wissen, wann sie sich ins Bett legte. Was war vorher passiert? Wie lange konnte sie in der Schule sein, bevor es zu viel wurde? Was passierte in ihrem Körper? Welche Menschen strengten sie besonders an? Wann begann sie zu weinen? Wann griff sie zum Handy? Was wurde durch das Scrollen leiser? Und wie fühlte sie sich eine Stunde später?

Wir haben ihr Leben eine Zeit lang fast wie unter einer Lupe betrachtet. Nicht, um jeden Gedanken zu analysieren oder aus jeder Kleinigkeit ein Problem zu machen, sondern weil wir erst einmal verstehen mussten, was da eigentlich passierte. Denn „alles ist zu viel“ ist ein Gefühl. Aber es ist noch keine Erklärung.

Mit der Zeit wurde sichtbar, dass sie sich häufig zwischen zwei Extremen bewegte. Wenn es ihr schlecht ging, versuchten ihre Eltern manchmal mit aller Kraft, sie wieder herauszuholen: *„Jetzt steh doch mal auf.“ „Du kannst doch nicht den ganzen Tag im Bett liegen.“ „Du musst wenigstens versuchen, zur Schule zu gehen.“* An anderen Tagen passierte fast das Gegenteil. Dann wurde wenig gefragt, niemand setzte sich zu ihr, niemand sprach darüber, was gerade mit ihr geschah.

Für ihre Eltern waren beide Reaktionen nachvollziehbar – sie waren selbst hilflos. Für meine Klientin fühlte es sich jedoch ganz anders an: Entweder war sie falsch, weil sie nicht funktionierte. Oder sie war so unwichtig, dass niemand kam.

Warum Kinder sich die Welt aus ihrer eigenen Sicht erklären

Dieser Punkt ist mir sehr wichtig. Kinder sitzen nicht mit 10, 12 oder 15 Jahren in ihrem Zimmer und denken in psychologischen Erklärungsmodellen über das Verhalten ihrer Eltern nach. Kinder und Jugendliche erklären sich die Welt mit den Möglichkeiten, die sie zu diesem Zeitpunkt haben. Und sehr häufig beziehen sie das Verhalten ihrer wichtigsten Bezugspersonen auf sich selbst.

*Mama kommt nicht zu mir, wenn ich weine – also bin ich vielleicht nicht wichtig genug. Papa wird wütend, wenn ich nicht funktioniere – also bin ich vielleicht falsch. Andere Menschen scheinen mit ihrem Leben klarzukommen – also stimmt vielleicht mit mir etwas nicht.*

Solche Gedanken müssen nicht einmal bewusst gedacht werden. Manchmal setzen sie sich über Jahre fest und werden irgendwann zu einem Gefühl über uns selbst: Ich bin zu viel. Ich bin falsch. Mit mir stimmt etwas nicht. Und wenn wir oft genug glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt, beginnen wir irgendwann, uns selbst genauso zu behandeln.

Kindheitserinnerungen neu einordnen: Mehrere Wahrheiten nebeneinander

In unseren Gesprächen gingen wir immer wieder in einzelne Situationen zurück, die ihr bis heute wehtaten. Eine davon war die Erinnerung daran, im Bett gelegen und geweint zu haben, während ihre Mutter nicht kam. Für meine Klientin war die Erklärung dafür lange ziemlich eindeutig: „Ich war ihr einfach nicht wichtig genug.“

Ich fragte sie irgendwann: „Gibt es noch eine andere mögliche Erklärung?“ Sie schüttelte den Kopf. „Was wäre, wenn deine Mutter selbst überhaupt nicht wusste, was sie tun soll?“ Sie schwieg.

Wir versuchten nicht, das Verhalten ihrer Mutter schönzureden. Wenn ein Kind jemanden braucht und niemand kommt, dann tut das weh – auch dann, wenn der Erwachsene gute Gründe für sein Verhalten hatte. Aber wir begannen, mehrere Wahrheiten nebeneinanderzustellen: *Es hat mir wehgetan, dass meine Mutter nicht gekommen ist.* Und: *Vielleicht ist sie nicht weggeblieben, weil sie mich nicht geliebt hat.*

Viele Jahre später konnte meine Klientin tatsächlich mit ihrer Mutter über diese Situationen sprechen. Ihre Mutter erzählte ihr, dass sie damals selbst völlig überfordert gewesen war und Angst hatte, etwas falsch zu machen – deshalb tat sie nichts. Für die Mutter war es Hilflosigkeit. Für die Tochter fühlte es sich wie fehlende Liebe an. Beides hatte über Jahre nebeneinander existiert, ohne dass die beiden es wussten.

Warum starke Gefühle nicht verschwinden, nur weil wir sie nicht verstehen

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse im Umgang mit Gefühlen: Wir glauben häufig, ein Gefühl müsse logisch sein, damit es berechtigt ist. *„Aber objektiv war doch gar nichts.“ „Andere haben viel Schlimmeres erlebt.“ „Meine Eltern haben doch ihr Bestes gegeben.“ „Eigentlich müsste es mir gut gehen.“*

Das Problem ist nur: Gefühle interessieren sich herzlich wenig für unser „eigentlich“. Wenn etwas wehgetan hat, dann hat es wehgetan. Wenn ich mich alleine gefühlt habe, dann habe ich mich alleine gefühlt. Das bedeutet nicht automatisch, dass jemand anderes schuld ist. Es bedeutet zunächst nur: Dieses Gefühl war da.

Und Gefühle, die wir nicht einordnen können, verschwinden nicht einfach. Manchmal tauchen sie wieder auf – an anderen Stellen, in anderen Situationen, viel später. Dann liegen wir vielleicht mit 17 im Bett und sagen: „Es ist alles zu viel“, obwohl wir selbst gar nicht mehr genau wissen, was dieses „alles“ eigentlich ist.

Grenzen wahrnehmen lernen, bevor es zu spät ist

Am Anfang unserer Arbeit ging es deshalb gar nicht darum, ihre Gefühle möglichst schnell zu beruhigen. Wir mussten sie zunächst kennenlernen. Welche Gefühle gab es überhaupt? Wo spürte sie sie? Was passierte vorher? Wie lange konnte sie bestimmte Situationen aushalten? Wann kippte es? Was brauchte sie, wenn sie überfordert war? Und vor allem: Woran merkte sie eigentlich, dass ihre Grenze langsam erreicht war?

Es gibt Menschen, die ihre eigenen Grenzen erst bemerken, wenn sie bereits weit darüber hinausgegangen sind. Sie merken nicht: „Es wird mir langsam zu viel.“ Sie merken nur: „Ich kann nicht mehr.“ Dazwischen scheint nichts zu liegen. Genau dieses Dazwischen mussten wir gemeinsam kennenlernen.

Reizverarbeitung und das Autismus-Spektrum: andere Karten im Leben

Im Laufe der Jahre begann meine Klientin, sich noch einmal auf eine ganz andere Weise mit sich selbst auseinanderzusetzen. Sie beschäftigte sich mit dem Autismus-Spektrum und erkannte sich in vielen Beschreibungen wieder. Später bestätigte sich diese Vermutung auch diagnostisch.

Plötzlich konnten wir noch einmal anders auf viele Situationen schauen. Vielleicht war der volle Schultag nicht einfach nur „ein bisschen anstrengend“. Vielleicht nahm sie Geräusche, Menschen, Stimmungen und Anforderungen intensiver wahr als andere. Vielleicht kostete es sie viel mehr Kraft, sich anzupassen, mitzudenken, richtig zu reagieren und all die kleinen unausgesprochenen Regeln des Alltags zu verstehen.

Ich sage gerne: Wir bekommen nicht alle dieselben Karten zum Leben. Das ist weder fair noch unfair, es ist zunächst einfach so. Schwierig wird es häufig dann, wenn wir jahrelang versuchen, mit unseren Karten so zu spielen, als hätten wir ganz andere bekommen. Meine Klientin hatte lange versucht, so zu funktionieren, wie sie glaubte, funktionieren zu müssen. Und wenn es nicht ging, war ihre Erklärung: „Dann stimmt mit mir etwas nicht.“ Mit der Zeit durfte daraus eine andere Frage werden: „Wenn mit mir nicht grundsätzlich etwas falsch ist – was brauche ich dann eigentlich?“

Was brauche ich eigentlich? Der Weg zurück zu den eigenen Bedürfnissen

Diese Frage begleitete uns lange. Sie lernte, ihre Bedürfnisse früher wahrzunehmen, sich abzugrenzen und Dinge einzufordern. Sie lernte, dass ein Nein nicht automatisch bedeutet, jemanden zu enttäuschen. Und sie lernte, dass sie nicht erst in Embryonalstellung im Bett liegen musste, bevor sie sagen durfte: „Es ist mir zu viel.“

Wir schauten uns alte Verletzungen an und stellten uns gemeinsam Erinnerungen, die immer wieder hochkamen. Wir ordneten neu ein. Wir ergänzten Informationen, die ihr als Kind oder Jugendliche gefehlt hatten. Und wir ließen Gefühle dort sein, wo sie hingehörten.

Denn Gefühle sind nicht das Problem. Problematisch wird es häufig dann, wenn viele Gefühle aus unterschiedlichen Lebensjahren gleichzeitig vor der Tür stehen und alle gehört werden wollen. Dann fühlt sich ein kleiner Konflikt plötzlich riesig an. Eine Nachricht löst einen Zusammenbruch aus. Eine Anforderung fühlt sich an wie ein Berg – nicht unbedingt, weil diese eine Situation so groß ist, sondern weil sie etwas berührt, das schon lange mitgetragen wird.

Mit der Zeit wurde es bei meiner Klientin ruhiger. Nicht gefühllos, nicht immer entspannt – ruhiger. Gefühle durften an den Stellen auftauchen, an die sie gehörten. Sie konnte sie besser wahrnehmen, benennen und verstehen. Sie musste nicht mehr vor jedem Gefühl davonlaufen oder warten, bis es sie vollständig überrollte.

Wenn Gefühle zu viel werden: Müssen sie wirklich weg?

Wenn Gefühle zu viel werden, wünschen wir uns häufig nur eines: dass sie endlich aufhören. Wir wollen weniger fühlen, ruhiger sein, nicht mehr zusammenbrechen, endlich wieder funktionieren. Ich verstehe diesen Wunsch sehr gut.

Aber vielleicht ist die erste Frage gar nicht: „Wie bekomme ich meine Gefühle weg?“ Vielleicht lautet sie: „Was genau fühle ich eigentlich – und warum?“ Wann wird es zu viel? Was passiert kurz davor? Welche Situationen kosten besonders viel Kraft? Was tue ich, wenn ich überfordert bin – und hilft mir das wirklich, oder macht es nur für einen kurzen Moment alles leiser? Und wann habe ich eigentlich gelernt, dass meine Gefühle zu viel sind?

Meine Klientin musste nicht lernen, weniger zu fühlen. Sie musste lernen, sich selbst besser zu verstehen. Sie durfte erkennen, dass sie Gründe hatte – für ihre Erschöpfung, für ihre Überforderung, für ihren Rückzug, für die vielen Stunden im Bett. Das bedeutete nicht, dass alles so bleiben musste. Im Gegenteil: Erst als sie aufhörte, sich selbst ständig als Problem zu betrachten, konnten wir anfangen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Fazit: Fragen, die du dir selbst stellen kannst

Vielleicht sind deine Gefühle manchmal auch sehr laut. Vielleicht überrollen sie dich, oder du hast das Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, was eigentlich mit dir los ist. Dann möchte ich dir zum Schluss ein paar Fragen mitgeben:

– Wann wird es dir zu viel?
– Was passiert meistens kurz davor?
– Was machst du dann?
– Und was bräuchtest du in diesem Moment eigentlich wirklich?

Vielleicht findest du nicht sofort eine Antwort. Das ist in Ordnung. Manchmal beginnt Veränderung erst einmal damit, genauer hinzuschauen.


*Hinweis: Dieser Artikel kann und soll keine Psychotherapie ersetzen. Er beschreibt eine mögliche Entwicklung anhand einer anonymisierten und zum Schutz der beteiligten Personen veränderten Therapiesituation. Starke emotionale Überforderung, Rückzug und Schwierigkeiten im Alltag können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Wenn Gefühle dich dauerhaft überwältigen oder dein Alltag erheblich eingeschränkt ist, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.*

*Wenn du dich intensiver mit deinen Gefühlen beschäftigen und besser verstehen möchtest, warum sie manchmal so überwältigend werden, findest du in meinem Buch „Wenn Gefühle zu viel werden“ weitere Erklärungen, Übungen und Denkanstöße.*

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