Perfektionismus wirkt auf den ersten Blick wie eine Tugend. Wer alles richtig macht, wird gelobt, fällt niemandem zur Last und hat scheinbar alles im Griff. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich oft eine tiefere Geschichte – eine Geschichte davon, wie man gelernt hat, die eigenen Bedürfnisse zu übergehen, um geliebt und gesehen zu werden.
In diesem Artikel möchte ich von einer Patientin erzählen, die ich über viele Jahre begleitet habe. Ihre Geschichte zeigt eindrücklich, wie aus einem „artigen, angepassten Mädchen“ ein Muster entstehen kann, das sich bis ins Erwachsenenleben zieht – und wie man diesen Kreislauf durchbrechen kann.
Die Rolle der „guten, großen Schwester“
Als meine Patientin sechs Jahre alt war, bekam sie eine kleine Schwester. Diese Schwester war von Anfang an das genaue Gegenteil von ihr: fordernd, laut, dominant – sie setzte sich für sich selbst ein und sorgte für sich. Meine Patientin hingegen war ein angepasstes, liebes Kind.
Sehr schnell nahm sie wahr, dass ihre Mutter unter dem fordernden Verhalten der jüngeren Schwester litt. Und sie beschloss – ohne es bewusst zu entscheiden – ihrer Mutter nicht auch noch zur Last zu fallen. Das Umfeld belohnte dieses Verhalten: „Wie lieb sie ist“, „was für ein artiges Mädchen“, „was für eine tolle große Schwester“. Diese Bestätigung von außen verstärkte das Muster nur weiter.
Wenn Anpassung zur Unsichtbarkeit wird
Das Ergebnis: Sie hat gelernt, sich zurückzunehmen. Wenn die Schwester schrie, fragte sie erst gar nicht, ob sie auch etwas haben dürfe. Sie stellte keine Forderungen, äußerte keine Bedürfnisse. Sie war einfach nur „gut“ – ging zur Schule, hatte gute Noten, machte keine Probleme.
Doch genau darin lag das eigentliche Problem: Weil sie nie gelernt hatte, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, wusste sie irgendwann selbst nicht mehr, was sie eigentlich braucht oder wie sie sich sicher fühlt. Und weil ihr Umfeld nie erfuhr, was in ihr vorging, konnte auch niemand sie wirklich sehen. Ein Teufelskreis aus Anpassung und Unsichtbarkeit.
Die Suche nach Kontrolle
Aus diesem Gefühl völliger Kontrolllosigkeit über das eigene Leben heraus entwickelte sich eine Essstörung. Über die Kontrolle des Essverhaltens und exzessiven Sport versuchte sie, sich selbst wieder ein Stück Steuerung zurückzuholen. Als die Symptomatik so stark wurde, dass die Eltern eingriffen, kam sie schließlich in klinische Behandlung – und später zu mir in die Therapie.
Die eigentliche Frage: Wovor schütze ich mich?
In der gemeinsamen Arbeit haben wir zunächst ihre ganze Lebensgeschichte aufgearbeitet. Schritt für Schritt konnten wir herausfinden, was sie eigentlich braucht – und wie sehr ihre Rolle zu Hause sie eingeengt hatte. Sie zog verhältnismäßig früh aus und begann, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Am Ende drehte sich die Therapie gar nicht mehr um das Essverhalten selbst. Die zentrale Frage war eine andere: *Wovor schütze ich mich eigentlich, wenn ich immer alles richtig mache? Wovor schütze ich mich, wenn ich brav bin, niemandem zur Last falle und immer nur funktioniere?*
Rückfälle als Wegweiser
Auch nachdem sich das Essverhalten deutlich stabilisiert hatte, zeigte sich in besonders stressigen Phasen immer wieder die alte Strategie: Über das Essen versuchte sie, schwer einzuordnende Gefühle zu regulieren. Auch fiel auf, dass sie sich im Studium und im Job bewusst oder unbewusst mit Arbeit überhäufte – aus Angst davor, zur Ruhe zu kommen und zu spüren, was sich da eigentlich in ihr meldet.
Diese Momente waren aber kein Rückschritt, sondern wertvolle Hinweise. Es waren ältere, kleinere Anteile in ihr, die sich gemeldet haben: *Erinnerst du dich noch? Das haben wir damals nie richtig verarbeitet.* Im Laufe der Therapie konnten wir diese Gefühle immer besser zuordnen und ihnen einen Platz geben, sodass sie zur Ruhe kommen konnten.
Was diese Geschichte über Perfektionismus lehrt
Perfektionismus ist selten einfach ein Charakterzug. Oft ist er eine früh erlernte Überlebensstrategie: sich unsichtbar machen, funktionieren, keine Ansprüche stellen – um einen Platz in der Familie oder im Umfeld nicht zu verlieren. Das Tragische daran: Genau diese Strategie führt dazu, dass die eigenen Bedürfnisse immer weniger wahrgenommen werden – von einem selbst und von anderen.
Wer sich in diesem Muster wiedererkennt, ist nicht allein. Der erste Schritt ist oft die Frage, die auch im Zentrum dieser Therapie stand: *Wovor schütze ich mich eigentlich, wenn ich immer alles richtig mache?*
*Wenn Sie sich in diesem Muster wiedererkennen und über eine psychotherapeutische Online-Begleitung nachdenken, freue ich mich, Sie auf diesem Weg zu unterstützen.*