„Mein Kopf weiß, dass nichts passiert. Warum macht mein Körper trotzdem Panik?“

„Ich verstehe das einfach nicht“, sagte eine Klientin zu mir. „Mein Kopf weiß doch, dass ich im Bus sicher bin. Trotzdem bekomme ich schon auf dem Weg zur Haltestelle Herzrasen. Mir wird schlecht. Meine Beine fühlen sich plötzlich weich an und ich habe das Gefühl, sofort auf die Toilette zu müssen. Manchmal schaffe ich es noch nicht einmal bis in den Bus. Warum hört das einfach nicht auf?“*

Diesen Satz habe ich in ähnlicher Form im Laufe meiner Arbeit als Psychotherapeutin schon oft gehört. Die Orte unterscheiden sich – manche Menschen haben Angst im Bus, andere im Zug, im Supermarkt, auf der Rolltreppe oder im Aufzug. Doch fast alle stellen mir dieselbe Frage: „Warum macht mein Körper das, obwohl ich doch weiß, dass eigentlich nichts passieren kann?“

Drei Kreise: Kopf, Gefühl und Körper

Ich lächelte sie an und sagte: „Ich glaube, wir müssen heute gar nicht als Erstes über den Bus sprechen.“ Sie schaute mich etwas verwundert an. „Worüber denn?“ – „Über dich“, antwortete ich, nahm ein Blatt Papier und zeichnete drei Kreise. In den ersten schrieb ich *Kopf*, in den zweiten *Gefühl* und in den dritten *Körper*.

„Was sagt dein Kopf, wenn du vor dem Bus stehst?“ Sie antwortete sofort: „Der sagt eigentlich, dass nichts passieren kann. Rein logisch passiert da nichts.“ Das schrieb ich in den ersten Kreis: *Ich weiß, dass nichts passiert.*

„Und was sagt dein Körper?“ Auch darauf musste sie nicht lange überlegen: „Der macht einfach dicht. Mein Herz rast, mir wird schlecht, meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding.“ Das kam in den dritten Kreis.

Dann fragte ich nach dem Gefühl: „Was ist in diesem Moment das Schlimmste, das passieren könnte?“ Nach kurzem Nachdenken sagte sie: „Ich fühle mich völlig hilflos und ausgeliefert.“ Als ich fragte, was sie stattdessen gerne fühlen würde, antwortete sie: „Dass ich die Situation im Griff habe.“

Ich legte den Stift weg. „Schau dir das Blatt einmal an. Fällt dir etwas auf?“ Sie schüttelte den Kopf. „Dein Kopf erzählt eine andere Geschichte als dein Körper.“ Genau diese Zerrissenheit hatten wir damit sichtbar gemacht.

Warum „positiv denken“ allein nicht reicht

Viele Menschen glauben, Angst sei einfach ein Gedanke – nach dem Motto: *Ich denke etwas Beängstigendes, also bekomme ich Angst.* Deshalb glauben sie auch, ein starker Gegengedanke müsse reichen, um alles wieder gut zu machen. So einfach ist es aber meistens nicht.

Unser Erleben besteht aus mehreren Ebenen: dem Kopf, dem Körper und den Gefühlen. Der Kopf lebt von Gedanken, der Körper empfindet, die Gefühle lassen uns fühlen – und alles hängt zusammen und bedingt sich gegenseitig. Manchmal arbeiten diese Ebenen wunderbar zusammen. Doch manchmal sprechen sie plötzlich unterschiedliche Sprachen: Der Kopf sagt „Es ist alles in Ordnung“, der Körper antwortet „Auf keinen Fall, hier stimmt etwas nicht.“ Genau dieser Widerspruch bringt viele Menschen zum Verzweifeln, weil sie glauben, sich nur mehr zusammenreißen oder positiver denken zu müssen.

Der Körper als Beschützer, nicht als Gegner

Dabei ist der Körper nicht dumm, und er arbeitet auch nicht gegen uns. Im Gegenteil: Alles, was der Körper tut, tut er, um uns zu schützen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „Warum macht mein Körper das?“, sondern: „Warum glaubt mein Körper, dass er mich auf diese Weise beschützen muss?“

Genau an diesem Punkt beginnt für mich häufig die eigentliche therapeutische Arbeit. Natürlich hätten wir sofort mit Konfrontationsübungen beginnen können – Busfahren üben, Schritt für Schritt wieder in geschlossene Räume gehen. Das kann durchaus sinnvoll sein. Doch ich hatte das Gefühl, wir würden etwas Entscheidendes übersehen, wenn wir nur das Symptom behandeln. Denn ein Symptom hat immer die Aufgabe, etwas sichtbar zu machen – ein Zeichen dafür, dass irgendetwas im Ungleichgewicht ist.

Der Ursprung: Wann fühlte ich mich zum ersten Mal hilflos?

Deshalb stellte ich ihr eine andere Frage: „Wann in deinem Leben hattest du das Gefühl, zum ersten Mal hilflos oder ausgeliefert zu sein?“ Zunächst wusste sie darauf keine Antwort. Also gingen wir gemeinsam ihre Lebensgeschichte durch – nicht, um in der Vergangenheit zu wühlen, sondern um zu verstehen, wann ihr Körper begonnen hatte, die Welt als unsicher abzuspeichern.

Dabei wurde deutlich, dass es eine Zeit in ihrem Leben gegeben hatte, in der sich vieles verändert hatte. Aus einer unbeschwerten Kindheit wurde ein Alltag, der von Streit, Unsicherheit und dem Gefühl geprägt war, vieles alleine aushalten zu müssen.

„Ich möchte niemandem zur Last fallen“

Immer wieder fielen mir Sätze auf, wenn sie von sich erzählte: *„Das ist nicht so wichtig.“ „Andere brauchen viel mehr Hilfe als ich.“ „Ich möchte niemandem zur Last fallen.“ „Ich schaffe das schon alleine.“*

Nach außen wirken solche Sätze stark und verantwortungsvoll. Innerlich bedeuten sie aber häufig, dass die eigenen Bedürfnisse immer wieder hinten angestellt werden. Als ich sie fragte, wann sie sich erlaube, Hilfe anzunehmen, antwortete sie nach langem Überlegen: „Eigentlich erst, wenn es gar nicht mehr anders geht.“

Wenn Angst eine Aufgabe übernimmt

Nun waren wir an dem eigentlichen Punkt angekommen. Wir sprachen kaum noch über Busse oder Rolltreppen, sondern über sie selbst – über ihre Bedürfnisse, ihre Grenzen, den Wunsch, immer stark sein zu müssen, und das Gefühl, sich selbst nie an die erste Stelle stellen zu dürfen.

Im Laufe der Sitzungen entstand eine Vermutung: Vielleicht war die Angst gar nicht mehr das eigentliche Problem. Es schien eher so, als habe die Angst im Laufe der Zeit eine Aufgabe übernommen. Immer dann, wenn sie ihre eigenen Grenzen überging, wenn sie funktionierte, obwohl sie erschöpft war, oder wenn sie sich selbst keine Unterstützung erlaubte, meldete sich ihr Körper – oft in Momenten, die scheinbar harmlos wirkten, weil dort die Stille die Gelegenheit bot, sich zu zeigen.

Der Bus war dabei nie das eigentliche Problem. Er war nur der Ort, an dem ihr Körper am deutlichsten sagte: „Bis hierhin und nicht weiter.“

Gefühle sind wie Wasser

Gefühle finden immer ihren Weg nach draußen – sie sind wie Wasser. Selbst wenn wir viele Steine hinlegen, um das Fließen zu stoppen, findet das Wasser mit der Zeit einen Weg hindurch oder außen herum. Dabei entstehen manchmal merkwürdige, unlogische Situationen – einfach, weil ein Gefühl gehört werden möchte, das unter den gegebenen Umständen sonst keinen Raum bekäme.

Bei meiner Klientin begann sich etwas zu verändern, als sie Schritt für Schritt verstand, dass die ursprüngliche Angst eigentlich die war, sich ausgeliefert und hilflos gefühlt zu haben – und sich das bisher nie eingestanden zu haben. Der Körper speichert Empfindungen ebenso ab wie der Kopf Gedanken – die Amygdala gilt dabei als eine Art Gedächtnis der Gefühle. Wer versteht, was sich dort abgespeichert hat, versteht auch, welches Wasser sich gerade durch die eigenen Steine schiebt.

Der Wendepunkt

So konnte meine Klientin lernen, Hilfe anzunehmen, ohne vorher zusammenbrechen zu müssen. Sie durfte Bedürfnisse aussprechen, ohne sich dafür schuldig zu fühlen, und sich selbst immer öfter in die Mitte ihres eigenen Lebens stellen. Je besser ihr das gelang, desto seltener musste ihr Körper für sie sprechen. Die Angst verschwand nicht von heute auf morgen, aber sie verlor nach und nach ihre Aufgabe – und genau darin lag für sie der Wendepunkt.

Wir haben ihre Angst nicht einfach „weggemacht“. Wir haben ihr gemeinsam zugehört und verstanden, was ihr Körper über viele Jahre versucht hatte auszudrücken. So konnte sie Schritt für Schritt alte Wunden heilen, ihre Bedürfnisse anerkennen und neue Wege im Umgang damit finden.

Eine Frage zum Mitnehmen

Vielleicht fragst du dich beim Lesen gerade, ob das auch auf dich zutrifft. Das kann ich aus der Ferne natürlich nicht beantworten – jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Aber vielleicht lohnt es sich, dir einmal eine andere Frage zu stellen:

„Was versucht mein Körper mir eigentlich schon seit langer Zeit zu sagen – und wie versucht er, mir das klarzumachen?“

Veränderung beginnt genau in dem Moment, in dem wir aufhören, gegen unsere Symptome zu kämpfen, und stattdessen anfangen hinzuhören und zu verstehen, was sie uns eigentlich sagen wollen.

Verstehen allein löst eine Angststörung nicht auf – das wäre schön, ist aber meistens nicht so einfach, denn sonst wären wir ja wieder nur im Kopf. Da alle drei Ebenen zusammengehören, reicht das, wie wir jetzt gesehen haben, nicht aus. Verstehen ist jedoch oft der erste Schritt, der Veränderung überhaupt erst möglich macht. Denn solange ich glaube, mein Körper arbeite gegen mich, werde ich wahrscheinlich weiter gegen ihn kämpfen. Wenn ich aber beginne zu verstehen, dass mein Körper nicht mein Feind ist, sondern auf seine eigene Weise versucht, mich zu schützen, verändert sich etwas Grundlegendes: Wir werden wieder Verbündete, die miteinander reden und arbeiten, statt gegeneinander zu kämpfen.

Zum Abschluss

Vielleicht kennst du das selbst. Vielleicht kämpfst du schon seit Jahren gegen deine Angst, hast unzählige Ratgeber gelesen, Atemübungen ausprobiert oder versucht, dich immer wieder zusammenzureißen. Dann möchte ich dir zum Abschluss einen Gedanken mitgeben:

Versuche für einen Moment, deine Angst nicht als Gegner zu betrachten, sondern frage dich: „Wenn meine Angst sprechen könnte – was würde sie mir erzählen?“ Vielleicht geht es dabei gar nicht nur um den Bus, den Supermarkt oder den Aufzug. Worum geht es wirklich? Was genau will da gesehen werden?

Zum Schluss möchte ich dich fragen: Wann hast du das letzte Mal Hilfe angenommen? Wie leicht fällt dir das? Musst du auch immer stark sein?


*Hinweis: Dieser Artikel kann und soll keine Psychotherapie ersetzen. Er beschreibt eine mögliche Erklärung anhand einer typischen, anonymisierten Therapiesituation. Angst kann sehr unterschiedliche Ursachen haben. Wenn du unter starken Ängsten leidest oder dein Alltag dadurch erheblich eingeschränkt ist, kann es sinnvoll sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.*

*Wenn du dich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchtest, findest du in meinem Buch „Angst verstehen – innere Ruhe finden“ weitere Erklärungen, Übungen und Denkanstöße, die dir helfen können, deine Angst und deinen Körper besser zu verstehen.*

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